Unterlassene Hilfeleistung?

Peter Singers Buch Leben retten beginnt mit folgendem Szenario: Stell Dir vor, ein kleines Kind ist dabei, in einem Tümpel zu ertrinken. Du bist der einzige, der es retten kann – das würde allerdings Deine teuren Schuhe und Deinen besonders teuren Anzug ruinieren. Fatal! Die Entscheidung scheint trotzdem leicht zu fallen: Was sind schon ein paar teure Klamotten gegen das Leben eines Menschen?

Verändern wir das Szenario ein wenig: Geschätzte 27.000 Kinder sterben täglich an ihrer Armut – genauer gesagt: an Hunger oder medizinischer Unterversorgung. Die paar hundert Euro, die in unserer Kleidung stecken, könnten dabei helfen, ein Leben zu retten. Die Lage ist nicht weniger dramatisch als im ersten Fall – nur haben wir keinen unmittelbaren Kontakt zum Opfer. Sind wir deshalb weniger verpflichtet zu helfen?

Wahrscheinlich nicht: Beim Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung kommt es nur darauf an, dass wir helfen können, nicht darauf, wo wir helfen können – der räumliche Abstand spielt keine Rolle. Ein weiterer Unterschied zum Tümpel-Szenario besteht darin, dass wir z.B. bei der Hungerhilfe nicht wissen, wem wir tatsächlich helfen. Das ändert aber nichts an unserer ethischen Verpflichtung – Fakt ist nämlich, dass es uns zumindest möglich ist, irgend jemandem zu helfen.

Laut den Angaben des TNS Infratest Spendenmonitors haben 2010-2011 nur 35% der deutschen Bundesbürger überhaupt gespendet, und zwar durchschnittlich 128 € – also in etwa 10 € im Monat. Verrechnen wir dieses Aufkommen mit den 65% Nicht-Spendern, ergibt sich eine durchschnittliche Spendenbereitschaft von 3,50 € / Monat.

Wie unbehaglich die Konsequenzen sind, die sich aus diesen Zahlen ziehen lassen, liegt auf der Hand. Michael Pawlik versucht daher in seiner FAZ-Rezension, Singers Argument zu entkräften: „Schuld“ am Tod der Armen wären wir Pawlik zufolge nur dann, wenn man annimmt, dass Güterzuweisungen nur „vorläufig“ sind, so dass der Arme im Notfall tatsächlich einen größeren Anspruch auf mein Eigentum hat als ich selbst. Diese Annahme aber, so Pawlik, schränkt unsere eigene Freiheit ein.

Prinzipiell stimmt das: Will man Singers Rechnung folgen, dann steht Grundrecht auf Eigentum (Art. 17 / Menschenrechte) dem Grundrecht auf soziale Sicherheit (Art. 22 / Menschenrechte) entgegen. Daraus folgt aber nur, dass die Entscheidung, die wir zwischen beiden Rechten treffen, beide Seiten genau abwägen muss. Dass eine Spendensumme von 3,50 € im Monat hier bereits das Limit erreicht, ist ziemlich unwahrscheinlich.

Peter Singer, Leben retten. Wie sich die Armut abschaffen lässt – und warum wir es nicht tun, Zürich und Hamburg 2010.