Schönheit und soziale Spielregeln

Im folgenden Text beziehe ich Stellung zu einer These von Thomas Vašek und Tobias Hürter aus dem Magazin HOHE LUFT. Vašek und Hürter fordern ein Verbot von Schönheits-OPs. Ihr zentrales Argument lautet:

„[Das Aussehen] ist ein Faktor in einem wichtigen sozialen Spiel. Das Aussehen eines Menschen – sein Körperbau, seine Haltung, seine Gesichtszüge und seine Mimik – sagt uns auch etwas über sein Wesen und seine Biologie. Sicherlich sind solche Urteile fehlerbehaftet. Aber wir fällen sie nun mal. Wir können uns ihnen nur sehr schwer entziehen. Schönheitschirurgie ist ein Foul in diesem sozialen Spiel.“ – Die Verantwortung für die eigene Visage, Autoren: Thomas Vašek und Tobias Hürter

Einige Einwände

Wäre es nicht wünschenswert, wenn sich Menschen im sozialen Zusammenspiel an Regeln halten? Die Autoren begegnen außerdem zwei naheliegenden Einwänden: Zwar steht die Schönheits-OP prinzipiell allen gleichermaßen offen, die „mitspielen“. Dadurch wird sie aber nicht fairer. Sie verändert nur nachträglich die Spielregeln und entwertet damit das „Spiel“, ähnlich wie das Doping im Radsport. (Zudem kann sie sich übrigens nicht jede(r) leisten). Zweitens gibt es Menschen, die durch ihr extremes Äußeres keine „fairen“ Start-Bedingungen haben (z.B. abstehende Ohren). Ihnen kann man die OP-Option aber genau deswegen einräumen und sie anderen gleichzeitig verwehren: Erst dann ergibt das „Spiel“ ja einen Sinn.

Betrachten wir einen weiteren Einwand: Ist es nicht schwer zu sagen, wo der Eingriff in den Körper beginnt? Ist z.B. die Rasur ein solcher Eingriff? Und andersherum: Macht es wirklich einen Unterschied, ob man Körperfett durch Training loswird (regelkonform), oder durch Fettabsaugen („Foul“)? Dieser Einwand ist nicht zwingend, denn nicht immer taugen Grenzfälle als Totschlagargumente: Für Vašek und Hürter reicht es zunächst aus, dass ihre Argumentation sich auf genügend relevante „klare“ Fälle beziehen kann, z.B. Implantate.

Fehlschlüsse: Welche „Regeln“ sind im Spiel?

Trotzdem ist aus zwei Gründen unklar, ob Schönheits-OPs tatsächlich einen unfairen Verstoß gegen soziale „Spielregeln“ darstellen.

Erstens. Spielregeln beziehen sich notwendigerweise auf einen definierten Zweck des Spiels. Doping ist im Radsport verboten, weil das Ziel des Sports darin besteht, aus eigener Ausdauer möglichst schnell möglichst weit zu fahren. Alle Radsportler lassen sich auf dasselbe Ziel ein, deswegen kann man von ihnen die Einhaltung entsprechender Spielregeln verlangen. Aber hat „das soziale Spiel“ einen klar definierten, gemeinsamen Zweck? Verfolgen die Akteure nicht viele verschiedene Zwecke? In diesem Fall werden viele verschiedene Spiele gleichzeitig gespielt, womit zugleich viele verschiedene Regeln im „Spiel“ sind. Dann aber lässt sich das Verbot von Schönheits-OPs, das die Autoren fordern, umso schwerer begründen.

Zweitens. Angenommen, im „sozialen Spiel“ gäber es feststehende „Regeln.“ Das bedeutet aber nicht, dass jeder Regelverstoß ein unfaires „Foul“ darstellt. Vašek und Hürter beschreiben nämlich nur das Spiel, das bereits tatsächlich gespielt wird. Daraus, dass bestimmte Spielregeln bereits existieren, folgt aber nicht, dass diese Regeln auch fair sind. In der Ethik nennt man dies einen naturalistischen Fehlschluss. Wenn Probleme entstehen, weil das Aussehen eines Menschen unser Urteil bestimmt, müssen wir also nicht das Aussehen von Menschen unter Regeln stellen, sondern eher unser Urteil über das Aussehen. Diese Konsequenz liegt einfach näher als eine Forderung nach dem Verbot von Schönheits-OPs.

Körper als Eigentum: Das eigentliche ethische Problem

Das Problem hinter der Schönheits-OP liegt in einem anderen Feld, als Vašek und Hürter es vermuten: Gehört uns unser Körper zu 100% selbst? (John Locke war z.B. dieser Auffassung) Wenn ja, sind Schönheits-OPs immer erlaubt. Dann müssten wir aber auch den Verkauf körpereigener Organe erlauben. Wenn diese letzte Option uns unheimlich ist, dann gehören wir uns nicht zu 100% selbst. Und dann können auch Schönheits-OPs ein ethisches Problem darstellen. Die eigentliche ethische Frage hinter der Schönheits-OP ist also nicht die nach der Fairness sozialer Spielregeln, sondern die nach dem Wert des menschlichen Körpers.

Ein Gedanke zu „Schönheit und soziale Spielregeln

  1. Deinem letzten Gedanken zustimmend, möchte ich an dieser Stelle, wenngleich sehr konservativ, auch auf Kants kategorischen Imperativ verweisen. Ein „soziales Spiel“ kann und sollte niemals als Zweck betrachtet werden, ein solcher Ansatz wäre einfach funktionalistisch, sondern sollte generell vom Zweck ausgehen, und dies wäre, um weiter konservativ zu bleiben, immer der Mensch als Individuum. Daher sollte man eher, wie auch du hier kritisiert, das „soziale Spiel“ kritisieren, also den Moment von „Herrschaft“ und „Diskurs“ zumindest in dem Moment, in welchem es das Individuum sagen wir einmal „all zu sehr“ regiert – ohne sich natürlich dem (foucaultsche) Apriori zu verweigern, dass es letztlich sicherlich kein Jenseits von Herrschaft und Diskurs geben kann. Ein persönliches Nein zu SchönheitsOPs, stelle man sich einmal vor, alle folgen dem plötzlichen Schönheitsideal blauer Nasen und ließen sich diesbezüglich überarbeiten, wäre somit Ausdruck eines „sich nicht dermaßen regieren lassens“. Das wäre sicherlich eine Betrachtungsweise, die vielleicht keine eindeutige Antwort zu SchönheitsOPs generalisieren kann, jedoch Individuum als auch gesellschaftlichem Ethos zugute käme.

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