Ehrenrettung des Zufalls

Die Vorstellung, das Leben könnte durch Zufall entstanden sein, kommt manchen Lebenden seltsam vor. Ist es nicht extrem unwahrscheinlich, dass sich aus einer chaotischen, riesigen Mengen von Materie etwas so komplexes, „wunderbares“ und geordnetes bilden kann wie Leben?

Hier ist exakt die Stelle, an der mancher gerne Gott, den intelligenten Designer auf den Plan ruft und die eben angebrachte Frage blumig veranschaulicht. Stellen wir uns beispielsweise einen Schrottplatz vor, den ein Wirbelsturm überzieht. Wie wahrscheinlich ist es, dass aus den Teilen eine flugfertige Boeing 747 wird? Na?

Unbeirrt und unbefleckt von jeglicher biologischer Fachkenntnis möchte ich mich im Folgenden ein wenig auf dieses Spiel einlassen. Stellen wir uns also eine beliebig große Unwahrscheinlichkeit vor, etwa: eins zu hundert Fantastilliarden. Das gesuchte Ereignis ist also nicht völlig unmöglich, sondern es trifft  unter hundert Fantastilliarden Versuchen statistisch gesehen genau einmal auf.

Aus unserer Sicht liegt dies nah an der „völligen Unmöglichkeit“, die der blumige Vergleich ja beschwören will. Dies ist aber nicht der Fall. Wenn wir Zeit und Lust haben, den Wirbelsturm hundert Fantastilliarden Mal über den Schrottplatz zu schicken, mag durchaus die ein oder andere Boeing 747 herauskommen. Die wenigsten unter uns werden diese Geduld aufbringen. Aber das Universum hat kein Problem damit. Im Vergleich zur Ewigkeit sind hundert Fantastilliarden Versuche nicht viel bedeutender als ein einziger Versuch. Und selbst wenn jeder dieser Versuche mehrere Milliarden Jahre dauern sollte: Irgendwann tritt das Ereignis höchstwahrscheinlich ein. Man muss nur Zeit für unendlich viele Versuche mitbringen (und evtl. etwas spannendes zum Lesen für zwischendurch).

Was uns an der zufälligen Entstehung von Leben so seltsam vorkommt, ist vermutlich, dass wir ausgerechnet den einen, „unwahrscheinlichen“ Versuch erleben, der tatsächlich klappt. Genau besehen ist dieser Umstand aber gar nicht so unwahrscheinlich. Denn dass wir überhaupt etwas erleben, setzt ja voraus, dass Leben existiert (z.B. wir). Welchen Versuch sollten wir also sonst erleben als denjenigen, der Leben erzeugt?

Hier kommt noch eine kleine Gedankenstütze für Leute, denen es unwahrscheinlich vorkommt, dass der geglückte Versuch bereits hinter uns liegt: Wenn ich einen Würfel werfe, liegt die Wahrscheinlichkeit für jedes Ergebnis bekanntlich bei 1:6. Angenommen, ich würfle zehnmal und schreibe jedes Ergebnis auf. Nun liegt die Wahrscheinlichkeit, dass exakt diese zehn Ergebnisse auftreten bei (1:6)10, in Dezimalzahlen bei 0,000000017. Nahezu unmöglich? Mag sein. So unwahrscheinlich, dass es nie passiert ist? Wohl eher nicht. 

Man kann die Entstehung des Lebens also durchaus mit dem Zufall erklären. Muss man aber nicht.