Lob der Inkonsequenz

Fairer Handel ist eine schöne Idee: Wer Kaffee, Tee oder Schokolade mit dem Fairtrade-Siegel kauft, will sicherstellen, dass möglichst wenig andere Menschen (z.B. in der sogenannten „Dritten Welt“) für den Inhalt seiner Frühstückstasse ausgebeutet werden. Warum machen das eigentlich nicht alle?

Versucht man, Andere vom eigenen Konsumidealismus zu überzeugen, dann gerät man schnell an das Argument der Inkonsequenz. Es lautet etwa folgendermaßen: Wer wirklich darauf Wert legt, dass die Dinge, die er kauft, fair produziert werden, müsste noch viel weiter gehen. Nicht nur sein Kühlschrank, sondern auch sein Kleiderschrank müsste mit Fairtrade-Ware gefüllt sein. Bestellt mit dem FairPhone, angeliefert von zertifizierten Logistik-Dienstleistern – Moment, gibt es die überhaupt? Und was ist mit den Schränken selbst –  wer kann schon den fairen Handel seiner Möbel nachprüfen? Und all die anderen Dinge, die in einer Wohnung herumstehen? Alles fair? Sicher? Nein? Na also!

Solange unser Idealist nicht im selbst gebauten Selbstversorgerhaus lebt, lässt sich immer nachweisen, dass sein Lebensstil nicht wirklich, nicht konsequent moralisch ist. Es fragt sich aber, was genau daraus folgen soll. Zugegeben: Wer nur unfair gehandelte Produkte kauft, hat es nicht nur leichter, sondern er führt auch noch einen „konsequenteren“ Lebensstil. Aber ist dieser Lebensstil deshalb auch „besser“?

Nehmen wir an, A-tun sei „gut“, B-tun dagegen „schlecht“; nehmen wir weiter an, dass A-tun und B-tun sich gegenseitig ausschließen. Die Reihenfolge der moralischen Bewertung wäre dann doch:

1) am besten: konsequent A-tun = niemals B-tun

2) etwas schlechter: inkonsequent A-tun = inkonsequent B-tun

3) am schlechtesten: konsequent B-tun = niemals A-tun.

Das Argument der Inkonsequenz lebt davon,  „Konsequenz“ für einen moralisch positiv besetzten Wert zu halten – einen Wert, der dem Konsumidealisten in der Realität meist fehlt. Davon sollte man sich jedoch nicht in die Irre führen lassen, denn  „Konsequenz“ ist nicht das Einzige, was Handlungen moralisch macht. Es ist immer noch besser, inkonsequent gut zu sein, als konsequent schlecht.