Warum Glaube keine Moral begründet

Unter manchen Gläubigen ist die Meinung verbreitet, dass ohne Gott keine Moral möglich sei. Zumindest keine brauchbare. Stimmt das wirklich?

Ausgangsthese

Der Grundgedanke lautet in etwa wie folgt: Damit moralische Maßstäbe wirklich gelten, muss es jemanden geben, der sie zuverlässig und unumstößlich festsetzt. Eine Ethik, die nur von Menschen „gemacht“ wird, ist anscheinend ein unsicherer Boden: Sie könnte von denselben Menschen jederzeit über den Haufen geworfen und neu „gemacht“ werden. Wer kann denn schon garantieren, dass die Mitmenschen nicht irgendwann beschließen, jeder dürfe jedem die Rübe einschlagen? Keine schöne Vorstellung. Wenn es dagegen Gott ist, der das Töten verbietet, dann gilt diese Regel scheinbar felsenfest. Sie steht nicht mehr zur Diskussion. Angenehm, oder nicht?

Drei Probleme, in zunehmender Schwierigkeit

Gestehen wir der Einfachheit halber zu, dass moralische Wahrheiten tatsächlich ewig unveränderlich sind. Selbst dann ist die Begründung von Moral durch den Glauben keine einfache Sache. Sie steht vor mindestens drei Problemen: einem großen, einem riesengroßen und einem völlig unlösbaren.

1) Das große Problem besteht in der Frage, ob sich tatsächlich immer feststellen lässt, welche moralischen Gebote Gott aufstellt. Zu Schriften wie z.B. der Bibel existieren sehr viele verschiedene Auslegungen, die sich teilweise widersprechen. Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass ausgerechnet meine Interpretation voll ins Schwarze trifft, während Tausende andere falsch liegen? Und gibt es tatsächlich zu allen ethischen Problemen eindeutige Antworten im „Text“? Beispiel Komapatienten: Abschalten oder am Leben erhalten? Beispiel Organspende: Zustimmungs- oder Widerspruchslösung? Die Liste lässt sich fortsetzen.

2) Das riesige Problem betrifft die genaue Bestimmung von „Gott“: Welcher Gott ist überhaupt gemeint? Schließlich glauben Menschen an sehr verschiedene Götter. Und manche glauben an gar keinen Gott. Selbst dann, wenn der eigene Gott der „richtige“ sein sollte, wäre das ethische Problem längst noch nicht gelöst. Einen moralischen Konsens gäbe es dann nämlich nur, wenn alle Menschen an denselben Gott und an dieselbe Auslegung seiner Gebote glauben. Was tun wir aber, solange dieser Zustand nicht eintritt? Alle moralischen Fragen aufs jüngste Gericht verschieben? Wohl eher nicht – dafür sind die Probleme einfach zu dringend. Das bedeutet: Man muss sich ohnehin „provisorisch“ mit Anders- oder Ungläubigen auf Regeln des Zusammenlebens einigen. In vielen Bereichen (z.B. generelles Tötungs- und Diebstahlverbot) klappt das bereits ganz gut. Moral ohne einen vorausgesetzten Glauben ist also ganz und gar nicht unmöglich, sie ist längst Realität.

Der Gläubige könnte an dieser Stelle natürlich behaupten, dass die nicht-religiöse Verständigung nur in bestimmten moralische Fragen möglich ist, während andere ungelöst bleiben müssen. Diese Strategie aber führt nicht in diejenige Richtung, die er eigentlich einschlagen will. Denn sie macht Gott zu einer Art Lückenbüßer, zur Moralinstanz „auf Zeit“, bis ein Konsens auf anderem Wege gefunden ist.

3) Das unlösbare Problem hat Sokrates im Dialog Eutyphron aufgestellt: Ist es so, dass a) Gott Dinge gebietet, weil sie moralisch sind, oder so, dass b) Dinge moralisch sind, weil Gott sie gebietet?

Auf den ersten Blick leuchtet Version a) ein – wenn man Gott z.B. einen liebenden Vater nennt, meint man damit, dass er Gebote deswegen aufstellt, weil sie „gut“ für seine Kinder sind. Das bedeutet aber, dass die Gebote ohnehin schon gut sind – mit etwas Einsicht verstehen die Kinder das auch (wenn sie wirklich wollen). Gott wäre dann nicht die Ursache für das Gebot, sondern lediglich ein Hinweisgeber, der prinzipiell auch durch einen anderen Hinweisgeber ersetzt werden kann. Wer „im Bild“ bleiben will, könnte zwar behaupten, wir seien derart kleine Kinder, dass wir Gottes Gebote eben nicht vollständig verstehen können – ähnlich wie ein Zweijähriger die Gefahr einer Steckdose nicht wirklich begreift. Dieser Vergleich ist aber zu schief um wahr zu sein, da wir den Sinn vieler Gebote wie z.B. des Tötungs- und Diebstahlverbots durchaus und völlig ohne Schwierigkeiten einsehen. Gott wäre dann nur noch für besonders obskure Gebote zuständig.

Version b) ist auch nicht besser. Wenn Handlungen erst dadurch „gut“ werden, dass Gott sie gebietet, wirkt der Begriff „gut“ völlig willkürlich. Töten wäre genauso „gut“ wie nicht-Töten, wenn Gott sich zufällig anders entschieden hätte. Eine ziemlich unplausible Vorstellung. Und wer darauf antworten will, dass Gott sich eben mit guten Gründen für dieses Gebot entschieden hat, landet automatisch bei Version a) – denn dann wären es ja wieder die Gründe selbst, die uns vom Gebot überzeugen, unabhängig davon, wer sie in Form eines Gebots ausformuliert.

Eine „praktische“ Alternative

Aus diesen Gründen komme ich zu dem Schluss, dass der Glaube für die Begründung der Moral nicht notwendig ist. Das macht ihn aber nicht überflüssig. Ein zentrales Problem der Ethik besteht nämlich in der sog. Motivationsfrage: Selbst wenn ich einsehe, was richtig ist, heißt dies noch lange nicht, dass ich es auch in die Tat umsetze. Raucher sind das beste Beispiel dafür. Wenn der Glaube Menschen motiviert, das, was richtig ist, nicht nur zu denken, sondern auch tatsächlich zu tun, macht er einen guten Job.

 

Nachtrag: Kritische Leser bemerken wahrscheinlich, dass die drei Argumente eher zum ersten Absatz dieses Artikels  passen als zu seiner Überschrift: Sie zeigen vor allem, dass man Moral nicht durch den Glauben begründen muss. Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu können, denke ich aber, dass alle drei Argumente bei genauerer Überlegung auch zeigen werden, dass man Moral durch den Glauben gar nicht begründen kann.

Ein Gedanke zu „Warum Glaube keine Moral begründet

Kommentare sind geschlossen.