Martensteins Spezi-Argument

Der grandiose Martenstein neulich im Zeit-Magazin:

„Die Genderfrauen sagen, dass es ‚Männer’ und ‚Frauen’ in Wirklichkeit gar nicht gebe, dies seien nur gesellschaftliche Konstrukte. Tatsächlich sind die Grenzen zwischen den Geschlechtern fließend, es gibt organisch, sozial und psychisch die verschiedensten Zwischenformen. Das ist bei Cola und Limo genauso. Du kannst Cola und Limo in jedem gewünschten Verhältnis zu Spezi mischen. Wenn nun einer käme und behauptete, aus der Existenz von Spezi gehe hervor, dass Cola und Limo ein gesellschaftliches Konstrukt seien und gar nicht existierten, dann würde jeder sofort merken, dass diese Person ein Rad abhat.“

Zweifellos ein gewitzter Vergleich. Ich musste schon ein bisschen schmunzeln. Beim Schmunzeln spart sich das Gehirn meist das mühsame Nachdenken über Logik und Argumentation. Das ist aber ein Problem, da viele Leser wahrscheinlich annehmen, dass Martenstein tatsächlich ein Argument gegen die „Genderfrauen“ vorgetragen hat – er scheint die These von der Konstruiertheit der Geschlechter widerlegen zu wollen. Versteht man seine Äußerung in diesem Sinne und nicht nur als Klamauk, dann besteht sein Argument aus folgender Analogie:

Aus
S1) Es gibt Mischformen aus Cola und Limo (Spezi)
folgt nicht:
S2) Cola und Limo sind gesellschaftliche Konstrukte.

Deswegen folgt auch nicht aus

G1) Es gibt Mischformen aus Mann und Frau
der Satz:
G2) Mann und Frau sind gesellschaftliche Konstrukte.

Auch wenn diese Analogie originell und geistreich klingen mag, ist sie ein klassisches Strohmann-Argument, d.h. sie widerlegt etwas, das in Wahrheit niemand behauptet. Martensteins Fehler liegen auf der Ebene der Begriffe:

S1 vs. G1 / „Mischformen“ – Der Satz S1 beschreibt „Mischformen“, die aus der Mischung von zwei vorher existenten Dingen entstehen. Nur dann sind S1 und S2 nämlich widersprüchlich, da der Satz S1 voraussetzt, dass Cola und Limo bereits tatsächlich existieren (was S2 ja zu bestreiten scheint). Genau dieses Verständnis von „Mischformen“ ist aber auf der anderen Seite der Analogie nicht gemeint. Intersexuelle Menschen sind nicht Menschen, die entstehen, wenn man Mann und Frau ins selbe Glas kippt. Sie sind von vorne herein keins von beidem. Genau deswegen stehen G1 und G2 auch nicht im Widerspruch und genau deswegen liegt keine echte Analogie vor.

S2 vs. G2 / „gesellschaftliche Konstrukte“. G2 meint in Wahrheit nicht, dass die einzelnen Männer und Frauen nicht existieren. Der Gender-Begriff meint zunächst nur, dass die Begriffe „Mann“ und „Frau“ – wie alle Begriffe – gesellschaftliche Konstrukte sind. Daraus folgt aber immer noch, dass die Klassifikation aller Menschen in nur zwei Geschlechter – unabhängig davon, dass die Biologie gar nicht so eindeutig ist – gesellschaftlich konstruiert ist, ebenso wie die soziale Zuschreibung dessen, was es bedeutet, die Rollen „Mann“ oder „Frau“ auszufüllen. Trotzdem geht es nur um die Begriffe, nicht um die Dinge (bzw. Personen), die von ihnen bezeichnet werden. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen S2 und G2. Denn die Begriffe „Cola“, „Limo“ und „Spezi“ sind ja in der Tat gesellschaftliche Konstrukte, ebenso wie die Begriffe „Mann“ und „Frau“ – nur sind sie eben gesellschaftlich nicht genauso folgenreich.

Das Problem an Strohmann-Argumenten besteht darin, dass sie die wahren Probleme hinter dem eindrucksvoll hingerichteten Strohmann verdecken. Die Tatsache, dass (einige) Menschen mit ihrer Einteilung in ein Geschlecht unglücklich sind, lässt sich nicht in einer Maß Spezi auflösen.