Gerechtigkeit aus Eigeninteresse

Angenommen, wir könnten heute die gerechte Gesellschaft erfinden – auf welche Grundsätze würden wir uns einigen?

Vermutlich auf gar keine. Das Problem besteht nicht nur darin, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber im Umlauf sind, was „gerecht“ ist. Hierüber könnte man ja noch diskutieren. Schwierig wäre vor allem die Diskussion selbst. Denn jeder würde den anderen verdächtigen, sein „Argument“ nur vorzubringen, um sein Eigeninteresse zu verfolgen: Wer „Steuern runter!“ fordert, hat bestimmt nur seinen eigenen Reichtum im Sinn und wer „Steuern rauf!“ fordert, will wohl lieber diejenigen bestrafen, die sich „anstrengen“, statt selbst aktiv zu werden. Egoismus auf allen Seiten – Projekt gescheitert.

John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit schlägt einen interessanten Lösungsweg vor: Wir müssen uns die Diskussion hinter einem „Schleier des Nichtwissens“ vorstellen. Das bedeutet, dass niemand weiß, welche Rolle er in der entworfenen Gesellschaft einnehmen wird – ob er gesund ist oder krank, arm oder reich, schwarz oder weiß, begabt oder unbegabt. So haben alle dieselben Voraussetzungen, weshalb sie sich rational darüber einigen könnten, welche Regeln für Jeden optimal sind.

Interessant ist dieser Lösungsweg deshalb, weil niemand seinen Egoismus „überwinden“ müsste, um eine „gerechte“ Gesellschaft zu schaffen. Vielmehr muss Jeder  überlegen, welche Regeln rationalerweise in seinem eigenen Interesse liegen – dann liegen sie nämlich auch automatisch im Interesse aller Anderen, die ja mit exakt denselben Voraussetzungen (nämlich gar keinen) am grünen Tisch sitzen.

Aber worauf würden wir uns hinter dem „Schleier des Nichtwissens“ einigen? Was genau liegt in dieser Situation in meinem Eigeninteresse? Rawls glaubt, dass wir vor allem versuchen würden, den ungünstigsten Fall abzusichern: Jeder würde darauf achten, dass auch ein Mensch mit extrem schlechten Chancen – der z.B. schwer behindert und wenig ausgebildet ist – möglichst gut versorgt ist. Denn Jeder weiß: Dieser Mensch könnte später ich sein – und dann  würde ich Unterstützung benötigen. Natürlich könnte ich auch ein schwerreicher Unternehmer sein – und müsste dann Anderen  diese Unterstützung zahlen. Als rational denkender Mensch müsste ich  nun den sog. Grenzwertnutzen einbeziehen: Dem Bestgestellten schaden die 100 €, die er abgeben muss, weniger als sie dem Schlechtestgestellten nutzen.  Darum ist die Entscheidung für die Transferleistung rational in meinem eigenen Interesse, deshalb wird sie sich am grünen Tisch durchsetzen und deshalb ist sie gerecht.

Wie die Gerechtigkeitsgrundsätze nach Rawls konkret aussehen würden, ist Stoff für einen neuen Blogeintrag. Bis hierher wirkt Rawls‘ Idee jedenfalls ziemlich überzeugend, zumal man viele Zweifel an ihr leicht aus dem Weg räumen kann:

1) „Der ‚Schleier des Nichtwissens‘ ist eine rein hypothetische Situation, die wir nie wirklich nachspieleln können.“ – Das ist richtig, ändert aber nichts daran, dass die Konsequenzen aus dem Gedankenexperiment auch unsere Gesellschaft gerecht machen könnten.

2) „Möglicherweise wählen Viele lieber eine Risikostrategie, die z.B. keine Transferleistungen einschließt. No risk, no fun.“ – Das wäre aber irrational – siehe Grenzwertnutzen – und deshalb im Ergebnis ungerecht.

3) „Vielleicht ist Gerechtigkeit gar keine Sache der rationalen Entscheidung“ – aber was denn dann? Des Gefühls? Des Zufalls? Dieser Einwand ist ziemlich seltsam, da wir ansonsten doch  regelmäßig versuchen, zu begründen, warum manche Dinge „gerecht“ wären und andere nicht.

John Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a.M. 1975