Sei gewissenlos!

Unter vielen Menschen ist die Vorstellung verbreitet, eine Entscheidung sei ethisch richtig, wenn sie sich mit ihrem Gewissen vereinbaren lässt. Stimmt das?

Richtig daran ist, dass Entscheidungen sich vor allem dann richtig „anfühlen“, wenn sie im Einklang mit dem eigenen Gewissen stehen. Eine Entscheidung gegen das Gewissen könnte dagegen langfristig ein schlechtes Gefühl erzeugen: „Warum hast Du damals nicht…?“

Aber nicht alles, was sich richtig „anfühlt“, ist deswegen richtig. Ob Wasser sich warm oder kalt anfühlt, hängt bekanntlich auch davon ab, ob meine eigenen Hände warm oder kalt sind.

Beim Gewissen gibt es ein ähnliches Problem: Wenn ich vermeiden möchte, ein schlechtes Gewissen zu bekommen – um wen geht es dann eigentlich bei meiner Entscheidung? Herr X steckt in Schwierigkeiten und bittet mich, ihm Geld zu leihen. Warum sollte ich das tun? Wenn mich nur die Furcht leitet, andernfalls von einem schlechten Gewissen geplagt zu werden, dann geht es in meiner Entscheidung offenbar vor allem um mich selbst. Die Probleme von Herrn X spielen nicht mehr die Hauptrolle. 

Ist diese Gewissensentscheidung nicht sehr egoistisch? Schließlich geht es ihr vor allem darum, dass ich mich selber besser fühle. Moralische Entscheidungen dagegen sind anscheinend vor allem davon gekennzeichnet, dass wir eben nicht nur unser eigenes Wohl suchen, sondern die Probleme aller anderen Menschen möglichst gleichberechtigt mit berücksichtigen.

Natürlich ist das Gewissen deswegen nicht automatisch etwas schlechtes. Im Zweifelsfall entscheidet es jedoch immer egoistisch. Und Egoismus ist wohl nicht der beste moralische Ratgeber.