Welches Boot ist voll?

In regelmäßigen Abständen ertrinken Flüchtlinge im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa, auf dem Weg in ein „besseres“ Leben. Auf offene Arme stoßen sie nicht – auch wir Europäer sitzen angeblich im „Boot“, von dem es oft heißt, es sei ohnehin bereits „voll“.

Die Politik unterscheidet  zwischen politisch Verfolgten einerseits, für die das Asylrecht eingerichtet ist und sogenannten Armutsflüchtlingen andererseits, die man am liebsten vom Hals hätte. Aus Sicht des Flüchtlings ist diese Unterscheidung allerdings etwas bizarr. Wenn ich mein Leben in Sicherheit bringen will – spielt es dann wirklich eine Rolle, wer genau es bedroht? Der Verfolgte und der Hungernde haben beide einen qualvollen, vermutlich nicht selbst verschuldeten Tod vor sich. Warum sollten wir sie dann nicht gleich behandeln?

Peter Singer gehört zu den ersten Philosophen, die das Flüchtlingsproblem als ein geniun ethisches Problem untersucht haben. Aus seiner Sicht ist es letztendlich eine Art der Diskrimierung, wenn eine Gruppe im Überfluss lebt, die eigenen Ressourcen aber nur nutzt, um sich selbst ein bequemes Leben zu machen und Außenstehende nur selektiv und in Ausnahmefällen unterstützt. Folglich müssten wir wesentlich mehr Menschen in unser privilegiertes Land hineinlassen als bisher.

Ein einfacher Weg, sich dieser Folgerung zu entziehen, besteht darin, Zahlen zu fordern: Wie viele sollen wir denn aufnehmen? Zehntausend? Eine Million? Zehn Millionen? Der AfD-Politiker Björn Höcke hat diese Frage gestern bei Maybrit Illner gestellt und natürlich kaum eine konkrete Antwort erhalten. Die Frage scheint in ein Dilemma zu führen: Entweder nennt man eine sehr hohe Zahl und schürt Ängste in der Bevölkerung, die ihre Ressourcen nun teilen müsste. Oder man nennt eine niedrige Zahl und tritt damit wieder von der Forderung zurück, mehr Armutsflüchtlinge aufzunehmen. Vor allem wird jede Zahl, die man nennt, völlig willkürlich bleiben.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Die andere Hälfte der Wahrheit besteht darin, dass jede beliebige Asylpolitik, auch die aktuelle, dasselbe Problem hat. Nehmen wir nur das Jahr 2013, in dem ca. 20.000 Menschen in Deutschland Asyl erhalten haben. An diese Zahl könnte man dieselben Fragen richten: Warum 20.000 und nicht 10.000 oder 30.000? Keine Antwort wird eine letzte Begründung liefern können, allen wird etwas Willkürliches anhaften.

Grundsätzlich ist die Entscheidung, an einer bisherigen Politik festzuhalten zunächst einmal genauso willkürlich wie die Entscheidung, an ihr etwas zu ändern. Es kommt eben auf die Gründe an, die uns zum Beibehalten bzw. zum Ändern bewegen. Die bloße Nennung irgendwelcher Zahlen gibt darauf noch keine Antwort. Vergleicht man den Überfluss drinnen mit dem Mangel draußen, würde auch die unscharfe Antwort ausreichen: „deutlich mehr Flüchtlinge als bisher“.

 

Peter Singer, Praktische Ethik, Stuttgart 21994.