Artenvielfalt – wozu eigentlich?

Diese Überschrift muss ich erklären. Natürlich sollten wir auf unsere Umwelt achten. Natürlich sollten wir Menschen möglichst viel Leid ersparen. Tieren ebenso. Aber genau darum geht es nicht beim Problem des Artensterbens.

Der positiv besetzte Begriff „Artenvielfalt“ suggeriert, es sei etwas Gutes, wenn weiterhin möglichst viele unterschiedliche Tierarten existieren. Umgekehrt sei es schlecht, wenn es z.B. eines Tages keine Eisbären mehr gibt.

Ob der einzelne Eisbär – nennen wir ihn ruhig Knut – weiterlebt oder nicht, kann durchaus eine ethische Frage sein. Vielleicht sogar für Knut selbst. Das hat aber nichts mit der Frage zu tun, ob irgendwann einmal keine Eisbären existieren. Das umweltethische Schlagwort „Artenvielfalt“ fordert ja nicht, dass ein bestimmtes Einzeltier weiterlebt, sondern vielmehr, dass bestimmte Tiere, die heute noch nicht leben, in Zukunft leben sollen. Diese Forderung ist aber eine ganz andere. Denn ein Lebewesen, das noch nicht einmal als Embryo existiert, hat vermutlich nicht dieselben ethischen Ansprüche wie ein bereits existierendes Wesen.

Warum sollten wir diesen Anspruch also überhaupt stellen?

Mir fallen nur drei Gründe ein. Keiner  ist ethisch wirklich zwingend.

1) Mit Artenvielfalt ist die Welt schöner. Dieses Argument ist offenbar ein ästhetisches, weniger ein ethisches.

2) Artenvielfalt erleichtert uns medizinischen Fortschritt o.ä. – Das mag sein, dann ist der ethische Grund aber der Mensch und nicht mehr die Tierart, bzw. das einzelne Tier. Im Gegenteil – sie sind Mittel zum Zweck. Und sobald wir alle Medikamente synthetisch herstellen und testen, könnten wir die Artenvielfalt aufgeben.

3) Die Artenvielfalt entspricht der „Schöpfungsordnung“. Dieses Argument hat etwas für sich, allerdings nur für Leute, die die Welt tatsächlich als „Schöpfung“ mit einem dahinterstehenden, ordnenden Schöpfer verstehen. Insgesamt macht die Berufung auf Gott die Ethik nicht unbedingt leichter.

Nun mein Gegenargument: Wenn die Welt mit mehr Arten ein besserer Ort wäre, dann wäre sie zu einem Zeitpunkt, als es weniger Arten als heute gab, automatisch ein schlechterer Ort gewesen. Aber ist das nicht eine absurde Konsequenz? Umgekehrt wären wir ethisch verpflichtet, möglichst viele weitere Tierarten hervorzubringen, sobald die Biotechnik es uns erlaubt. Aber haben wir wirklich eine solch seltsame Verpflichtung? Wenn nein, kann Artenvielfalt kein an sich positiver Wert sein.