Artenvielfalt – wozu eigentlich?

Diese Überschrift muss ich erklären. Natürlich sollten wir auf unsere Umwelt achten. Natürlich sollten wir Menschen möglichst viel Leid ersparen. Tieren ebenso. Aber genau darum geht es nicht beim Problem des Artensterbens.

Der positiv besetzte Begriff „Artenvielfalt“ suggeriert, es sei etwas Gutes, wenn weiterhin möglichst viele unterschiedliche Tierarten existieren. Umgekehrt sei es schlecht, wenn es z.B. eines Tages keine Eisbären mehr gibt.

Ob der einzelne Eisbär – nennen wir ihn ruhig Knut – weiterlebt oder nicht, kann durchaus eine ethische Frage sein. Vielleicht sogar für Knut selbst. Das hat aber nichts mit der Frage zu tun, ob irgendwann einmal keine Eisbären existieren. Das umweltethische Schlagwort „Artenvielfalt“ fordert ja nicht, dass ein bestimmtes Einzeltier weiterlebt, sondern vielmehr, dass bestimmte Tiere, die heute noch nicht leben, in Zukunft leben sollen. Diese Forderung ist aber eine ganz andere. Denn ein Lebewesen, das noch nicht einmal als Embryo existiert, hat vermutlich nicht dieselben ethischen Ansprüche wie ein bereits existierendes Wesen.

Warum sollten wir diesen Anspruch also überhaupt stellen?

Der Hauptgrund ist ein ökologischer: Bestimmte Arten müssen leben, um das Ökosystem zu erhalten. Wenn Käfer A stirbt, dann auch Vogel B, der sich von A ernährt. Das mag biologisch zutreffen, bedeutet aber, dass Käfer A nur als Futter für B wertvoll ist. Es gibt keinen in A liegenden Grund, A zu erhalten. Ähnliches wird allerdings vermutlich für den Vogel B gelten. B muss existieren wegen C, C wegen D und so weiter.

Was steht am Ende dieser Kette? Entweder gar nichts – was die ganze Kette entwertet. Oder ein Wesen, das seinen Wert irgendwie in sich selbst hat. Zum Beispiel wir selbst, was für ein Zufall. Warum müssen wir existieren? Sicher ist es für viele Menschen schön, zu existieren, vielleicht (hoffentlich!) auch für ihre Mitmenschen. Das löst das Problem aber nicht. Wenn ich nicht existieren würde, könnte ich auch kein Problem damit haben, nicht zu existieren. Ich existiere nicht notwendig.

Daraus folgt, dass Artenvielfalt an sich keinen ethischen Wert darstellt. Dies zeigt folgende Überlegung: Wenn eine Welt mit mehr Arten ein besserer Ort ist als eine Welt mit weniger Arten, dann wäre unsere Welt zu einem Zeitpunkt, als es weniger Arten als heute gab (sagen wir: vor 3 Milliarden Jahren), automatisch ein schlechterer Ort gewesen. Aber ist das nicht eine absurde Konsequenz? Umgekehrt wären wir ethisch verpflichtet, möglichst viele weitere Tierarten hervorzubringen, sobald die Biotechnik es uns erlaubt. Aber haben wir wirklich eine solch seltsame Verpflichtung? Wenn nein, kann Artenvielfalt kein an sich positiver Wert sein.

Trotzdem ist Umweltschutz in vielen Fällen ethisch geboten. Aber eben nicht automatisch. Wer sagt, dass Artenvielfalt erhalten werden muss, muss daher immer nachweisen, welche derzeit existierenden Lebewesen bei weniger Artenvielfalt in ihren ethischen Ansprüchen gefährdet sind.