Irrfahrten im Gehirn

Das evangelikale Magazin „Idea Spektrum“ berichtet: „Die Hirnforschung widerspricht der Gender-Ideologie„. Diese Schlagzeile verspricht scheinbar handfeste wissenschaftliche Befunde, welche eine leidige Streitfrage endlich auf den Müllhaufen der gescheiterten Ideologien befördern. Bei genauerem Lesen offenbart der Artikel allerdings eher das Gegenteil.

Zunächst zitiert er den Neurophysiologen Manfred Spreng, der belegen kann, dass Männer und Frauen unterschiedliche Gehirne haben. Einigen mag dieser Befund neu sein, insgesamt ist er aber wenig überraschend, zumal die Körper von Männern und Frauen einige sehr viel auffälligere Unterschiede besitzen.

Der Phantasie des Lesers bleibt allerdings überlassen, was daran nun „der Gender-Ideologie“ „widersprechen“ sollte. Wenn darunter das politische Programm des Gender Mainstreaming verstanden werden soll, so behauptet dieses ja nicht, dass Männer und Frauen dieselben körperlichen Merkmale hätten. Die „Geschlechterperspektive“ zu berücksichtigen, bedeutet, über Chancenverteilung und Rollenzuschreibungen in der Gesellschaft fair nachzudenken. Es geht nicht darum, wer welches Körperteil hat, sondern darum, wer warum was tun und bekommen darf bzw. soll.

Wie tief dieses Missverständnis geht, zeigt sich, sobald Spreng die Soziologie der Arbeitswelt aus der Gehirnstruktur ableitet: Weil das weibliche Gehirn „prozedural“ arbeite, das männliche dagegen „funktional“,

„sei die Mehrzahl der Verkäufer weiblich, hingegen 98 Prozent der Kfz-Mechatroniker männlich.“

Welches Gehirn wie funktioniert, ist eine unpolitische Frage. Politisch interessant ist zunächst eher, warum der Kfz-Mechatroniker mehr verdient und mehr Aufstiegschancen hat als die Frau in der Backstube. Ist sie per Gehirn auf ihr Schicksal festgenagelt? Und nur weil es diesen sozialen Unterschied gibt, ist es überhaupt von Interesse, ob mehr Frauen technische Berufe ergreifen sollten.

Was eine gerechte Verteilung von Chancen ist, ist allerdings eine völlig andere Frage. Die Antwort kann man weder dem aktuellen Arbeitsmarkt, noch der Struktur Gehirns entnehmen. Auf welcher neurophysiologischen Datenbasis Spreng behaupten kann,  „die Dekonstruktion der Geschlechter trage nicht zu einer besseren Gesellschaft bei“, bleibt wohl sein transdisziplinäres Geheimnis.

Hirnforschern sollte man genau so lange besondere Autorität zuschreiben, wie sie über Hirnforschung reden. Andernfalls warte ich auf die Schlagzeile: „Die Gender-Forschung widerspricht der Hirn-Ideologie“