Wofür gibt es Gehalt?

Sehr interessante Erfahrungen mit der Bezahlung seiner Mitarbeiter machte Dan Price. Der Chef des Bezahldienstes Gravity Payments las in einer Princeton-Studie, dass die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Gehalt ab 75.000 $ / Jahr nicht mehr nennenswert zunimmt. Er machte umgehend Nägel mit Köpfen: Sein eigenes Gehalt kürzte er auf 70.000  $ und erhöhte das aller Mitarbeiter gleichzeitig auf denselben Betrag.

Unerwünschter Nebeneffekt: Erfahrene Mitarbeiter verließen die Firma, da sie es ungerecht fanden, nach ihrer Lohnerhöhung genauso bezahlt zu werden wie „Anfänger“. Offensichtlich kollidieren hier einige Vorstellungen davon, was ein Gehalt „gerecht“ macht. Welche?

Gleichheit und Bedarf

Was Price vorhatte, wirkt auf den ersten Blick wie eine egalitäre Verteilung, die es für gerecht hält, Allen gleich viel zu geben. Das scheint aber nicht seine Motivation gewesen zu sein, denn die bloße Gleichheit der Verteilung sagt nichts über ihre Höhe aus. Die Summe 70.000 $ entnimmt er vielmehr der Annahme, dass alle in etwa dasselbe Gehalt brauchen, um damit möglichst glücklich zu werden. Die private Yacht macht mich vielleicht noch ein wenig glücklicher – aber eben nur ein wenig. Price hat also vor allem den Bedarf im Sinn, der bei den Menschen bei 70.000 $ – wie die Studie es nachweist – allmählich gedeckt sein müsste.

Leistung

Was genau stört nun Price’s Mitarbeiter? Wenn sie die gleiche Bezahlung unfair finden, könnten sie sich auf die ungleiche Leistung berufen. Das wirkt aber paradox: Wenn meine Leistung die Rechtfertigung meines Gehalts ist und das Gehalt bei gleichbleibender Leistung sogar steigt, wie kann ich dann behaupten, dass mir ein Nachteil entstanden ist? Der behauptete Nachteil bezieht sich nur auf den Vergleich mit den Anfängern, aber die sind eben kein Teil meiner Leistung. Ich könnte zwar behaupten, dass mir durch meine Leistung ein größerer Anteil am erwirtschafteten Geld zusteht, aber dann müsste ich erklären, warum ich mich nicht schon vor der Lohnerhöhung beschwert habe.

Status

Die empörten Mitarbeiter interpretieren ihr Gehalt nicht als Gegenwert ihrer erbrachten Leistung, sondern vielmehr als Ausdruck ihres sozialen Verhältnisses zu den Anfängern. Auf dem Kindergeburtstag könnte es gerecht sein, wenn das Geburtstagskind ein größeres Kuchenstück bekommt – schließlich hat es einen höheren Status. Die Gäste sind damit einverstanden, wenn  sie hoffen, selbst einmal als Geburtstagskind den Kuchen verteilen zu dürfen. Ähnlich verhält es sich bei Gravity Payments: Die Einebnung der Gehaltsunterschiede hebt alle bisherigen Statusunterschiede auf.

Status als Bedarf

Das Problem besteht nun darin, dass der soziale Status selbst wieder eine Art Bedarf darstellt. Im Gegensatz zu „absoluten“ Grundbedürfnissen wie Nahrung, Wohnung etc., die ich unabhängig von anderen Menschen habe, handelt es sich hierbei um einen „relativen“ Bedarf. „Relativ“ nenne ich ihn, weil sich nach der Vergleichsgruppe richtet, mit der ich mich messe. Solange die Erfahrenen mehr Gehalt bekommen als die Anfänger, ist sowohl ihr absoluter, als auch ihr relativer Bedarf gedeckt. Wenn alle 70.000 $ bekommen, ist der absolute Bedarf immer noch gedeckt – vielleicht sogar überdeckt -, allerdings auf Kosten des relativen Bedarfs, der nun eine neue Lücke einreißt.

Ein Gleichnis

Dieses Problem der Verteilungsgerechtigkeit behandelt übrigens bereits das Neue Testament. In Mt.20, 1-16 erzählt Jesus von den „Arbeitern im Weinberg„, die am Ende des Tages unzufrieden damit sind, dass diejenigen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, denselben Lohn empfangen wie diejenigen, die sich seit den frühen Morgenstunden abrackern. Auch sie haben vor allem ein Bedürfnis an Statusunterschieden.

Alternativen

Man könnte nun darüber streiten, ob dieses Bedürfnis überhaupt berechtigt ist. Ich habe darüber bereits geschrieben und will hier nicht weiter darauf eingehen. Nehmen wir also an, dass der Mensch nicht ohne Statusunterschiede auskommt. Der Mensch lebt schließlich in Institutionen und Institutionen sind gewöhnlich hierarchisch, um ihren Zweck zu erfüllen  (Denn eine Firma, in der niemand entscheidet, produziert nichts und wer entscheidet, ist eben dadurch schon Chef.) Die Frage wäre nun, ob sich Status  auch ohne Geld ausdrücken lässt.

Was aber käme hierfür Infrage? Vielleicht Mitsprache-, Entscheidungs- und Gestaltungsrechte? Das wäre immerhin ein Anfang, auch wenn sicher noch kreativere Ideen nötig sind. Das Statusproblem einfach mit Geld(unterschieden) zu erschlagen ist jedenfalls auch nicht einfallsreicher.